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06.12.2017 | Constantin Schnell

Meine Welt heißt YouTube

Konstruieren Jugendliche ihr Weltbild aus YouTube? Diese Frage trieb Medienmacher auf dem Stuttgarter Medienkongress 2017 um. Ende November diskutierten sie darüber, aus welchen Medien sich Jugendliche informieren – und ob die klassischen Medien (Fernsehen, Radio, Zeitung, Zeitschriften) dabei überhaupt noch relevant sind.

JIM: Fernsehen ist nach wie vor wichtig

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Nach der auf dem Kongress vorgestellten aktuellen JIM-Studie spielt das Medium Fernsehen für Jugendliche immer noch eine zentrale Rolle. Doch nicht minder wichtig ist das Internet, allem voran die Plattform YouTube. Die Frage allerdings, ob TV-Sendungen zielgerichtet gewählt und aufmerksam betrachtet werden oder eher als Dauerberieslung im Hintergrund laufen, kann die (quantitativ angelegte) JIM-Studie nicht beantworten. Der Verdacht bleibt, dass TV in vielen Fällen „irgendwie“ im Haushalt „irgendwo“ läuft.

Auf YouTube hingegen wählen Jugendliche aktiv jene Kanäle, für die sie sich interessieren, und die Inhalte werden meist aufmerksam geschaut, gelikt, weiterempfohlen oder kommentiert. Es liegt nahe, dass YouTube damit auch eine Plattform für die Vermittlung von politischen Inhalten sein kann oder sogar sein sollte. LeFloid ist der bekannteste „Politik“-YouTuber, der seit seinem Interview mit Kanzlerin Merkel auch einer größeren Allgemeinheit bekannt ist.

Passt Politik zu YouTube?

Rayk Anders, der mit seinem Kanal Headlinez auf funk unterwegs ist, ist der Meinung, YouTube könnte für junge Leute der Einstieg in das scheinbar wenig interessante Thema Politik sein. An dieser These werden einige zentrale Frage deutlich: Warum postulieren YouTube-Macher Politik als „für Jugendliche wenig interessant“? Welchen Begriff von Politik haben sie demnach? Wie sieht der darauf aufbauende Content aus? Warum soll YouTube nur ein Einstieg sein – und nicht als Komplettinformationsmedium fungieren? Rayk Anders‘ Antwort auf die Frage, ob YouTube überhaupt der richtige Ort für politische Themen sei: „Geht so!“ Wahrscheinlich hat er recht, aber die Antwort offenbart auch den Stellenwert, den YouTube-Macher ihrem eigenen Medium in der politischen Kommunikation zuerkennen.

YouTube und Journalismus: Nix genaues weiß man nicht

Eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim, präsentiert von Prof. Wolfgang Schweiger, belegt die These, dass journalistische Medien nicht mehr die Informationshoheit bei Jugendlichen haben. Immer öfter informieren sie sich auch bei „alternativen Medien“. Diese Medien werden entweder aktiv angewählt oder sie sind in den Social Media „algorithmisch personalisiert“. Das bedeutet, dass die Informationen durch einen Algorithmus stark nach den Einstellungen des Users gefiltert werden („Filterblase“). Gefährlich sei, so Schweiger, dass die Algorithmen einerseits immer perfekter würden und dabei andererseits komplett intransparent seien. Kurz: Das Weltbild wird letztlich ohne jegliche Kontrolle oder Transparenz vom Computer generiert. Allerdings macht Schweiger bei seiner Klassifizierung von „alternativen Medien“ (im Gegensatz zu den „journalistischen Medien“) keinen Unterschied zwischen (redaktionell geführten) YouTube-Kanälen, Fake-News-Seiten oder Blogs. Unter „alternativen“ Medien ist also alles von hochprofessionellen journalistischen Seiten bis zu übelsten Propaganda-Seiten subsumiert.

Fazit: Es gibt noch viel zu untersuchen

Die Frage also, woher Jugendliche ihre politischen Informationen beziehen, und aus welchen Quellen sich letztlich ihr Weltbild speist, ist also keineswegs beantwortet. Aus traditionellen Medien immer weniger, so viel ist klar. Aber woher dann? Sicher ist, dass YouTube ein Hauptmedium von Jugendlichen ist, und dass es (im Gegensatz zu Fernsehen) sehr viel inhaltliche und formale Freiheit lässt. Ob diese Freiheiten von den Machern wie von den Zuschauern sinnvoll genutzt werden, also ob YouTube journalistisch gut gemachten Content wirklich zu den Jugendlichen bringt – da gibt es noch viel zu untersuchen und zu diskutieren.

Anmerkung: Unter „politisch“ soll hier nicht das enge Feld der Lokal-, Landes- oder Bundespolitik betrachtet werden, sondern es wird im Sinne der Begriffe policy/politics/polity als jegliches problemlösendes Handeln in einer Gesellschaft verstanden. Insofern ist Politik etwas, was jeden Jugendlichen – ob er will oder nicht – täglich tangiert.

Außerschulische Pädagogik, Eltern, Film, Internet / Web 2.0, Lehrkräfte, Schreiben / Recherchieren, Soziale Netzwerke

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