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09.12.2014 | Henriette Carle

Das papierlose Klassenzimmer in Beirut

Interview mit der Lehrerin‭ ‬Angela‭ ‬Haddad über die Nutzung von Whiteboards und Tablets im Unterricht

Beirut; Bild: marviikad, Lizenz: CC BY-SA

In der Deutschen Schule in Beirut‭ werden im Unterricht der Klassen‭ ‬7‭ ‬bis‭ ‬12‭ ‬weder Bücher noch Hefte benutzt‭ ‬– stattdessen wurde vollständig auf‭ ‬elektronische Tafeln und Tablet-Laptops von LeNovo umgestellt.‭ ‬Lediglich Klassenarbeiten werden noch auf Papier geschrieben.‭ ‬Angela Haddad leitet die Deutsche Abteilung der Schule und unterrichtet selbst Deutsch und Geschichte.‭ ‬Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen mit dem papierlosen Klassenzimmer.

 

Seit wann nutzen Sie nur noch digitale Medien im Unterricht‭?

 

Wir hatten eine Übergangsphase:‭ ‬Seit‭ ‬2010‭ ‬nutzen wir Whiteboards,‭ ‬die mit Promethean‭ ‬arbeiten.‭ ‬Dann haben wir ein Pilotprojekt‭ ‬durchgeführt,‭ ‬bei dem einige ausgesuchte Schülerinnen und Schüler die Laptop-Tablets bekommen und damit gearbeitet haben.‭ ‬Dabei haben wir ausprobiert,‭ ‬wie das funktioniert,‭ ‬und die Schüler haben ihr Feedback gegeben.‭ ‬Im vergangenen Schuljahr lief die Nutzung der Laptops auf freiwilliger Basis,‭ ‬seit diesem Schuljahr ist es verbindlich.‭

 

Es ist von den Schülern und von den Eltern erwünscht,‭ ‬dass sie in die digitale Welt eingeführt werden und dass sie damit souverän umgehen können.‭ ‬Und als Privatschule kann man das ja ermöglichen.‭

 

Wie werden die‭ ‬Geräte beschafft und finanziert‭?

 

Es sind ganz normale Laptops.‭ ‬Die Überlegung war die,‭ ‬dass die Schülerinnen und Schüler sowieso Laptops haben und statt dass die Eltern einen anderen Apparat anschaffen,‭ ‬haben sie den.‭ ‬Die Schule organisiert die Bestellung,‭ ‬macht mehrere Angebote,‭ ‬je nach Kapazität und Zusatzelementen,‭ ‬und die Eltern suchen sich dann aus,‭ ‬was sie haben wollen.‭ ‬Die Schule kümmert sich auch um die Geräte,‭ ‬wenn es Probleme gibt.‭

 

Die Schülerinnen und Schüler können auch ihre eigenen Laptops benutzen,‭ ‬aber die Schulgeräte haben den Vorteil,‭ ‬dass sie an das Schulnetz angeschlossen werden können.‭ ‬Das heißt,‭ ‬sie‭ ‬können vom Whiteboard die Materialien bekommen und wir können Materialien der Schüler einsammeln.‭ ‬Wenn die Schüler ihre eigenen Laptops haben,‭ ‬funktioniert das nicht.‭

 

Wie lernen die Schülerinnen und Schüler den Umgang mit der Technik‭?

 

Wir haben ein Schulfach,‭ ‬das heißt ITGS‭ (‬Information Technology in a Global Society‭)‬,‭ ‬da lernen die Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Programmen umzugehen,‭ ‬also nicht nur Word und Excel,‭ ‬sondern auch PowerPoint und OneNote‭,‭ ‬und wie sie mit dem Whiteboard arbeiten können.‭ ‬Außerdem lernen sie die‭ ‬Sozialen Netzwerke kennen,‭ ‬den Umgang mit dem Internet und die ganzen Probleme,‭ ‬die damit verbunden sind.‭

Bild: Deutsche Schule Beirut

Gibt es in der Schule einen Zugang zum Internet‭?

 

Wir haben im Klassenzimmer normalerweise keinen Internetzugang,‭ ‬aber wenn der Lehrer wünscht,‭ ‬dass die Klasse im Rahmen der jeweiligen Unterrichtseinheit Recherchen machen,‭ ‬dann kann er das vorher anmelden und bekommt einen Internetzugang.‭ ‬Aber immer Zugang zum Internet zu haben,‭ ‬würde die Kapazität‭ ‬übersteigen,‭ ‬die nicht so fantastisch ist wie in den Metropolen in Europa‭ ‬– die Datenautobahn funktioniert da unten nicht so gut,‭ ‬ist nicht so schnell wie hier.‭ ‬Wenn die Schülerinnen und Schüler etwas recherchieren,‭ ‬dann sollen sie das von zu Hause aus machen.

 

Wir wollen auch keinen dauerhaften Internetzugang im Unterricht haben,‭ ‬denn das würde unsere Schüler zu stark ablenken.‭ ‬Dann würden sie ständig auf die aktuellsten Nachrichten gehen und sich das anschauen,‭ ‬und da wir in einer Krisenregion leben,‭ ‬wären sie ständig nervös.‭ ‬Und das ist ja gerade nicht erwünscht:‭ ‬Unsere Schule ist eher eine Oase der Ruhe,‭ ‬wo die Schüler untereinander kommunizieren und ihr Leben führen können.‭ ‬Die Schüler kommen gerne in die Schule.‭

 

Wie hat die Schule digitale‭ ‬Schulbücher‭ ‬beschafft‭?

 

Wir haben zum Beispiel in Deutsch unseren vorherigen Verlag angeschrieben,‭ ‬unsere Situation geschildert und gefragt,‭ ‬ob wir die Bücher,‭ ‬die wir vorher genutzt haben,‭ ‬digital bekommen können.‭ ‬Das war in dem einen Fall nicht möglich.‭ ‬Darauf haben‭ ‬wir uns an einen anderen Verlag gewandt,‭ ‬der schon ziemlich weit ist und sich bereit erklärt hat,‭ ‬mit uns einen Vertrag über‭ ‬5‭ ‬Jahre abzuschließen und uns die Bücher als PDF zur Verfügung zu stellen,‭ ‬so dass wir sie elektronisch haben.‭ ‬Wir geben die Schülerzahlen an,‭ ‬und dann wird das so bezahlt wie ein Buch,‭ ‬aber wir haben nur noch das digitale Format.

 

Wie nutzen Sie die Geräte und E-Books im Unterricht,‭ ‬und welche Software setzen Sie ein‭?

 

Die digitalen Bücher kann man auf dem Whiteboard zeigen,‭ ‬die Schülerinnen und Schüler haben sie auf ihren Laptops.‭ ‬Sie haben da die Präsentationsseiten und die Übungen,‭ ‬und dann können sie mit‭ ‬dem Schnappschuss-Werkzeug‭ ‬ einen Ausschnitt aus dem Buch in OneNote rüber nehmen.‭ ‬Statt mit einem Heft arbeiten sie‭ ‬dann weiter‭ ‬mit OneNote:‭ ‬Sie haben in einer Ecke ihres Bildschirms‭ ‬den‭ ‬Ausschnitt aus dem Buch,‭ ‬den sie gerade bearbeiten,‭ ‬und dann können sie ihre Aufgaben dazu handschriftlich erledigen.‭

 

Ich kann jederzeit an der Tafel von jedem Schüler über NetSupport seinen Bildschirm aufs Whiteboard übertragen,‭ ‬und ich kann auch alle Schülercomputer auf der Tafel gleichzeitig im Blick haben.‭ ‬Ich kann Arbeitsblätter austeilen,‭ ‬die sende ich dann in Word und die Schüler können sie ergänzen oder Beispielsätze dazuschreiben,‭ ‬dann werden die Arbeiten von mir wieder eingesammelt.

 

Ich mache das meistens so:‭ ‬Wenn ich ihnen Texte schicke,‭ ‬zum Beispiel Internetartikel,‭ ‬dann schicke ich sie als PDF und als Word-Dokument.‭ ‬Dann können sie mit dem Text arbeiten,‭ ‬zum Beispiel einen langen Text auseinander schneiden und Überschriften dazu finden oder sich kleine Inhaltsangaben und Erklärungen dazuschreiben.

 

Am Whiteboard nutzen wir ActiveInspire‭,‭ ‬da habe‭ ‬ich einen Text an der Tafel und kann ihn unterstreichen oder kommentieren‭ ‬– das kann ich dann auch den Schülerinnen und Schülern schicken.‭ ‬Zum Beispiel in Deutsch,‭ ‬das ist bei uns meistens Deutsch als Fremdsprache,‭ ‬aber teilweise auf einem höheren Niveau,‭ ‬so dass man auch literarische Texte liest.‭ ‬Wenn man dann Texte als Auszüge detailliert analysieren will,‭ ‬beispielsweise eine Szene aus Faust,‭ ‬dann kann man das an der Tafel machen.‭ ‬Das ist jetzt neu,‭ ‬dass wir auch auf die E-Books der Lektüren umsteigen.‭

 

Welche Erfahrungen hat Ihre Schule mit der Umstellung auf digitale Medien gemacht‭?

 

Das Computerprojekt ist im Rahmen einer Peers Review evaluiert worden‭ ‬– ein Schulleiter aus München und weitere Mitarbeiter haben im Unterricht hospitiert.‭ ‬Sie‭ ‬haben festgestellt,‭ ‬dass die Schülerinnen und Schüler mit diesen Medien gerne umgehen und dass es die Motivation und die Konzentration erhöht.‭ ‬Konzentration und Motivation sind ja wichtige Voraussetzungen für gelingendes Lernen,‭ ‬und so gesehen sind die Lernbedingungen durch diese Medienausstattung verbessert worden.‭

 

Vor welche Herausforderungen stellt Sie die Technik im Unterricht‭? ‬Wo sehen Sie die Probleme‭?

 

Unsere Herausforderung ist jetzt,‭ ‬das wurde auch bei den Hospitationen festgestellt,‭ ‬dass natürlich durch das neue Medium die Fokussierung auf das Whiteboard sehr groß ist‭ ‬– whiteboardzentrierter Unterricht sozusagen.‭ ‬Und das ist ja nicht,‭ ‬was man unbedingt im deutschen Schulwesen möchte,‭ ‬da möchte man ja eher die Schülerinnen und Schüler aktivieren und dass‭ ‬sie untereinander agieren.‭ ‬Deshalb haben wir ja auch die Gruppenarbeitsform eingeführt:‭ ‬Die‭ ‬Klassen sitzen bei uns in Gruppen und bekommen dann Aufgaben zu den jeweiligen Themen,‭ ‬die sie erst allein,‭ ‬dann zu zweit und in der Gruppe besprechen und dann die Ergebnisse präsentieren.

 

Aber es stellt sich halt die Frage,‭ ‬wie die Schülerinen und Schüler mit ihren Laptops in der Gruppe kommunizieren.‭ ‬Wenn sie sich zum Beispiel gegenüber sitzen,‭ ‬sehen sie nicht auf den Laptop der anderen.‭ ‬Da muss man also schon ein bisschen kreativ sein und Arbeitsformen und Aufgabenstellungen entwickeln,‭ ‬bei denen die Schüler einerseits am Laptop arbeiten können und sich andererseits untereinander austauschen und die Ergebnisse dann gemeinsam präsentieren können.

Bild: Deutsche Schule Beirut

Schreiben die Kinder mit dem Stift oder nutzen sie die Tastatur‭?

 

Die Anweisung ist,‭ ‬bei uns im Deutschunterricht nur mit Hand‭ ‬auf den Laptops‭ ‬zu schreiben,‭ ‬weil wir das beibehalten wollen.‭ ‬Leistungskontrollen,‭ ‬Kurztests und Klassenarbeiten werden immer noch auf Papier geschrieben,‭ ‬weil man das ja für die Prüfungsvorbereitung braucht.

 

Die Schülerinnen und Schüler sollen von Hand schreiben,‭ ‬und sie machen das auch gerne.‭ ‬Aber da haben wir auch unsere Schwierigkeiten,‭ ‬weil wir dieses Jahr eine neue Generation‭ ‬von Computern haben,‭ ‬bei der die Handhaltung anders als im letzten Jahr ist.‭ ‬Man muss schon lernen,‭ ‬was die ideale Handhaltung auf dem Laptop ist.‭ ‬Eigentlich ist es viel leichter auf dem Laptop von Hand zu schreiben als auf dem Papier,‭ ‬weil‭ ‬es besser fließt.

 

Wenn die Schüler Referate schreiben oder längere Texte,‭ ‬dann dürfen sie zu Hause auch tippen,‭ ‬aber in der Klasse‭ ‬sollen sie von Hand schreiben.‭

 

Nutzen‭ ‬Sie für‭ ‬die‭ ‬von Hand‭ ‬geschriebenen Notizen‭ ‬auf dem Rechner dann eine Texterkennung zur Umwandlung oder lassen Sie den Text handschriftlich‭?

 

Eine Handschrifterkennung durch den Computer wäre möglich,‭ ‬aber ich habe die Erfahrung gemacht,‭ ‬dass das nicht besonders gut funktioniert.‭ ‬Ich mache meine Aufschriebe an der Tafel auch handschriftlich und gebe das der Klasse ohne es erkennen zu lassen.‭ ‬Das müsste man sonst wieder korrigieren und man darf ja nicht so viel Zeit verlieren durch diese Medienverwendung.‭

 

Was ist Ihnen beim Umgang mit Medien besonders wichtig‭?

 

Die‭ ‬Schülerinnen und Schüler‭ ‬sind begeistert von all diesen Möglichkeiten,‭ ‬die die Medien bieten,‭ ‬aber als Lehrerin hat man auch die Aufgabe ihnen beizubringen,‭ ‬sich Stoffe so gründlich anzueignen,‭ ‬dass‭ ‬sie‭ ‬sie verarbeiten und auch Aufsätze dazu schreiben können.‭

 

Ich finde dazu die Lesekompetenz unheimlich wichtig.‭ ‬Lesestrategien‭ ‬sind etwas,‭ ‬das sie in allen Fächern brauchen‭ ‬– das ist allgemeines Methodencurriculum:‭ ‬Globales Lesen,‭ ‬selektives Lesen,‭ ‬detailliertes Lesen oder in Literatur auch mal ästhetisch-genießendes Lesen.‭

 

Wenn man mit dem Computer arbeitet,‭ ‬hat man ja Unmengen von Texten zugänglich,‭ ‬dann muss man also das globale Lesen gut beherrschen,‭ ‬sodass man schnell sieht,‭ ‬worum es geht.‭ ‬Und dann muss man das selektive Lesen können:‭ ‬Ich suche Informationen‭ ‬zu einem bestimmten Thema.‭ ‬Aber‭ ‬um das selektive Lesen zu beherrschen,‭ ‬braucht man einen Synonym-Wortschatz,‭ ‬und das ist schon eine Hürde für die Schüler im Fremdsprachenunterricht.‭

 

Und dann machen wir durchaus die Erfahrung,‭ ‬dass sie gar keine Lust haben,‭ ‬sich mit Texten wirklich zu beschäftigen.‭ ‬Sie gucken sich nur die erste Seite an,‭ ‬aber gehen nicht ins Detail.‭ ‬Da muss man dann schon Aufgaben entwickeln,‭ ‬die sie dazu bringen.‭ ‬Deswegen nehme ich zum Beispiel auch in Geschichte gerne mal längere Texte‭ ‬– auch hier beim Landesmedienzentrum Baden-Württemberg habe ich‭ ‬zum Beispiel‭ ‬einen längeren Text zum Ersten Weltkrieg gefunden.‭

 

Die Lesekompetenz systematisch aufzubauen und auch die Schüler darüber reflektieren zu lassen ist ganz wichtig in unserer modernen Mediengesellschaft.

 

Herzlichen Dank für das Interview, Frau Haddad!

Computer / Hardware, Interaktive Whiteboards, Interview, Lehrkräfte, Sekundarstufe

P. Durst, 18.12.2014 um 22:02
ebook zu pdf und dann ausschneiden und in OneNote bearbeiten ;-)
Leider werden die wahren Möglichkeiten die ein ebook bieten kann, nämlich multimediale und interaktive Inhalte, von vielen Pädagogen noch nicht erkannt. Daher wird sich von Seiten der Verlage wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren nichts tun bzw. ändern. Daher wehre ich mich ein wenig ein pdf- Dokument als ebook zu bezeichnen, oder muss man seit neuestem dafür einen ebook-reader verwenden? ;-)
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